Die Mindener Molkerei an der Immanuelstraße – historische Aufnahme

Die Alte Molkerei von 1888: Wie aus einer Milchfabrik ein Modehaus wurde

Die hohen Bastionen schauten mich an, so drohend und verdrossen;
Das große Tor ging rasselnd auf, ward rasselnd wieder geschlossen.

— Heinrich Heine über Minden, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, 1844

Wer heute durch unsere Verkaufsräume geht, läuft unter einer preußischen Kappendecke hindurch, zwischen gusseisernen Säulen, die schon standen, als hier noch Milch verarbeitet wurde. Der Raum, in dem Sie Mäntel anprobieren, war das Herz eines Produktionsbetriebs. Und die Rampe, über die Sie das Haus betreten, diente über Jahrzehnte den Bauern des Mindener Landes, die morgens ihre Kannen ablieferten.

Wir werden oft gefragt, was es mit diesem Gebäude auf sich hat. Die Antwort beginnt nicht 1888 – sondern fünfzehn Jahre früher, mit dem Abriss einer Festung.

Erst musste die Festung fallen

Heine sah 1844 noch die Bastionen. Minden war jahrhundertelang eine Festungsstadt, und das war für die Stadt weniger Schmuck als Fessel. Die Neubefestigung ab 1815 benachteiligte die wirtschaftliche Entwicklung erheblich: Im engen Festungsstadtbereich fand sich zu Beginn der Industrialisierung kein Platz für größere Betriebe.

Das änderte sich erst spät. Mit dem Reichsgesetz vom 30. Mai 1873 wurde die Aufhebung der Festungen verfügt, auch die der Mindener. Die Verhandlungen mit der Stadt über Übergabe und Kaufpreis zogen sich bis zum 5. März 1879 hin. Bis 1884 waren dann auch die Wälle abgetragen – erst danach konnte die Bebauung der Freiflächen beginnen. Insgesamt erwarb die Stadt 73 Hektar Grund; die Begrünung des alten Festungsrings übernahm nicht die Stadt selbst, sondern der Verschönerungsverein, der dort Promenaden anlegte und Bäume pflanzte.

Genau in diesem Moment entstand das Viertel um die Immanuelstraße. Was Minden dadurch bis heute besitzt, ist ein Stadtbild aus mittelalterlicher Altstadt, grünem Glacisgürtel und einem Kranz bürgerlicher Wohnbauten der Gründerzeit und des Jugendstils. Unser Haus steht mitten in diesem Kranz.

Blick über das Mindener Villenviertel, in dem die Molkerei entstand
Blick über das Mindener Villenviertel, in dem die Molkerei entstand.

Sechs Männer im Hotel Victoria

Am Montag, dem 23. Januar 1888, trafen sich sechs Gutsherren aus dem Kreis Minden im Victoria-Hotel am Marktplatz, um die katastrophalen Missstände der Milchwirtschaft zu bereinigen. Ihre Namen sind überliefert: Ökonom Heinrich Helms aus Rodenbeck, Ökonom Heinrich Tüting vom Förthof in Stemmer, Gutsbesitzer Ferdinand Seydel von Gut Rodenbeck, Rittergutsbesitzer Theodor Caesar aus Rothenhoff, Rittergutsbesitzer und Ökonomierat Friedrich Schmidt aus Wietersheim sowie Gutspächter Karl Hügues aus Haddenhausen.

Aus eigenen Einlagen erwarben sie ein Grundstück an der Immanuelstraße. Schon zehn Monate nach der Gründung wurde dort die Molkerei eröffnet. Bereits 1891 schloss die Genossenschaft mit einem Reingewinn von rund 2.500 Reichsmark ab, und bis zur Jahrhundertwende traten immer mehr Landwirte bei.

Es ging diesen Männern um Wirtschaftlichkeit – sie wollten ihre Milch besser vermarkten. Dass ihr Zweckbau 137 Jahre später ein Baudenkmal sein würde, hätten sie vermutlich für einen Scherz gehalten.

Ein Zweckbau, der aussieht wie eine Villa

Und doch bauten sie kein Nutzgebäude von der Stange. Noch im Gründungsjahr errichtete das Bauunternehmen Schmidt & Langen das Haus nach Plänen des Mindener Architekten Oskar Ziegler (1820–1905).

Ziegler prägte dieses Viertel. Das Neo-Renaissance-Gebäude fügt sich bewusst in die benachbarte Villenbebauung ein; fast zeitgleich entstand das Wohn- und Geschäftshaus Immanuelstraße 7 ebenfalls nach seinen Plänen. Jenes Nachbarhaus wurde 1888/89 auf einem Grundstück des ehemaligen Festungswerkes erbaut, mit den für Ziegler typischen, stark plastisch ausgeführten Renaissance-Formen an den Fronten. Die Molkerei sollte sich einfügen, nicht abheben – deshalb sieht ein Milchverarbeitungsbetrieb hier aus wie ein herrschaftliches Wohnhaus.

Die innere Aufteilung folgte dagegen streng der Funktion. Das Haus war eine Fabrik im Kleinen. Im Erdgeschoss lag die Verarbeitungshalle, in der die angelieferte Rohmilch zu Trinkmilch und Butter wurde – von der LWL-Denkmalpflege bis heute als „Milchhalle“ bezeichnet. Der Keller diente der Kühlung der fertigen Produkte und dem Spülen des Zubehörs, im Obergeschoss lagen Wohnräume. An der Westseite nahm eine Laderampe die Milchkannen der Genossen entgegen; zur Straße hin gab es einen eigenen Ladeneingang für den Verkauf an die Mindener Bürger.

Milch in Pfandflaschen, Kakao für die Schulen

Die Genossenschaft wuchs zu einem festen Bestandteil des Mindener Alltags. Das Emblem – zwei nach außen geneigte Großbuchstaben M M über einem langgezogenen Rechteck, in einer späteren Fassung zu einer Krone zusammengerückt – kannte jeder in der Stadt. Jahrzehntelang wurde die Milch in Pfandflaschen ausgeliefert, und auch die Schulen bekamen Milch und Kakao in kleinen Flaschen, an die sich viele Mindener bis heute lebhaft erinnern.

Selbst während des Krieges wurden jährlich zehn Millionen Kilogramm Milch abgeliefert, verarbeitet und verkauft. Die Chronik der Molkerei hält mit hörbarem Stolz fest, dass die Versorgung von Bevölkerung, Krankenhäusern und Lazaretten trotz der Tieffliegerangriffe bis zur Besetzung der Stadt durch alliierte Truppen aufrechterhalten wurde.

Der Erfolg sprengte irgendwann das Haus an der Immanuelstraße. 1951 wurde ein Neubau an der Ringstraße eingeweiht – und damit endete die Milchverarbeitung an der historischen Stätte nach 63 Jahren. Die Genossenschaft selbst bestand weiter: 1968 zählte sie 1.200 Mitglieder. Als Großabnehmer immer größere Mengen verlangten, kam es zur Fusion in den Milchwerken Bielefeld Herford. Ende der 1980er Jahre wurde die Produktion eingestellt, und am 23. Januar 1990 fielen die letzten Gebäudeteile an der Ringstraße.

Auf den Tag genau 102 Jahre nach der Gründung im Hotel Victoria.

Und wie kamen wir in dieses Haus?

Auf Umwegen, die selbst ein Stück Mindener Stadtgeschichte sind.

1981 eröffneten Horst und Marianne Dittrich ein Geschäft für Herrenmode an der Adresse „Scharn“ – benannt nach den Scharnen oder Scharren, den Markt- und Fleischhallen des mittelalterlichen Minden. Bald zog es die Familie weiter ins Zentrum: auf den Markt, in das alte Kontorhaus, in dem im 19. Jahrhundert die städtische Weinhandlung untergebracht war. Das Geschäft wurde erweitert, das Sortiment ebenso, und seit Mitte der 1990er Jahre steht der Name für das, was er bis heute bedeutet: Mode und Schuhe für Männer und Frauen.

2005 trat mit Marc Dittrich die zweite Generation ein. 2014 folgte der Umzug in die Alte Molkerei – vom einen Baudenkmal ins nächste, nur wenige Gehminuten entfernt. Und der Wein, der einst im Kontorhaus lagerte, ist auf Umwegen ebenfalls wieder dabei.

Möbelhaus, Teppichgeschäft, Fitness-Studio

Das Haus vor der Sanierung
Das Haus vor der Sanierung – hinter späteren Nutzungen verschwunden.

Denn das Haus an der Immanuelstraße hatte die Zwischenjahre überlebt – aber es war hinter seinen Nutzungen verschwunden. Als Möbelhaus, Teppichgeschäft sowie Ballett- und Fitness-Studio wurden die architektonischen Qualitäten des zweigeschossigen Putzbaus im Lauf der Jahrzehnte innen wie außen immer weiter verdeckt. Danach folgte Leerstand – das Haus fiel in einen Dornröschenschlaf.

Wachgeküsst haben wir es erst Jahre später: 2013 begannen die Sanierungsarbeiten, die im Frühjahr 2014 abgeschlossen wurden. Wir hatten bis dahin drei Jahrzehnte in einem Baudenkmal am Markt bestanden – und zogen nun in die ehemalige Molkerei.

Während der Restaurierung der historischen Molkerei
Während der Restaurierung 2013/2014.

Bei der Sanierung ging es um Freilegen statt Überformen. Die preußische Kappendecke und die gusseisernen Säulen der Verarbeitungshalle kamen wieder zum Vorschein, und mit wenigen hochwertigen Materialien wurde die große Halle als Verkaufsfläche auf zwei Ebenen gestaltet.

Zwei Eingriffe erzählen die Umnutzung besonders deutlich: Im Bereich der alten Laderampe für die Milchanlieferung an der Westseite liegt heute der barrierefreie Haupteingang, während der frühere Ladeneingang des Milchgeschäfts verschlossen wurde. Die notwendigen Schaufenster entstanden, indem man die rundbogigen Erdgeschossfenster zur Immanuelstraße bis auf den Boden herunterführte.

Im August 2014 wählte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die ehemalige Mindener Molkerei zum Denkmal des Monats. Die Pressemitteilung trug den Titel „Mode statt Milch“.

Die Mindener Molkerei heute

Die Alte Molkerei heute – Sitz von Dittrich
Die Alte Molkerei heute – seit 2014 Sitz von Dittrich.

Rund 400 Quadratmeter Showroomfläche und eine angeschlossene Galerie. Im rückwärtigen Bereich führt Salvatore die Casa Culinaria – Weinbar, Weinhandlung und Bistro zugleich.

Showroom im Inneren der Alten Molkerei
Der Showroom in der einstigen Milchhalle.

Die Stadtvilla, die als Milchverarbeitungsbetrieb begann, ist damit wieder das, was sie in ihrer besten Zeit schon einmal war: ein Ort, an dem sich Mindener täglich begegnen.

Worauf Sie bei Ihrem nächsten Besuch achten können

  • Die Decke im Erdgeschoss: flache Ziegelkappen zwischen Stahlträgern – die typische preußische Kappendecke des 19. Jahrhunderts.
  • Die gusseisernen Säulen: Originalbestand aus der Verarbeitungshalle.
  • Die Fensterbögen zur Immanuelstraße: oben rundbogig, unten bis zum Boden geöffnet. Der Übergang ist die Stelle, an der aus einer Molkerei ein Geschäft wurde.
  • Der Haupteingang: Sie betreten das Haus dort, wo die Bauern ihre Milchkannen abluden.
  • Die Fassade: Neo-Renaissance-Formen, entworfen für ein Viertel, das es 15 Jahre zuvor noch nicht gab.

Kommen Sie vorbei

Ein Gebäude erzählt sich schlecht in Text. Wenn Sie das nächste Mal bei uns sind, fragen Sie ruhig – wir zeigen Ihnen gern, welche Spuren die Molkerei hinterlassen hat.

Dittrich – Mode und Schuhe für Männer und Frauen
Immanuelstraße 3, Minden
Telefon: +49 (0) 571 828190

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